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Zuhause in Vesterbro – Kopenhagen

KB18 – alter Fleischmarkt, Vesterbro, Kopenhagen – Foto: Nicole Stroschein

Kürzlich waren wir hier bei nicmag zum ersten Mal gemeinsam in Kopenhagen unterwegs, eine kleine Bootstour, das knallharte Touristenprogramm. Kann man mal machen, gehört dazu, wenn ich eine Stadt das erste Mal besuche. Nun blieb es aber nicht bei diesem einen Besuch und es wird weitere geben. Deshalb freue ich mich sehr, einen echten Kopenhagen-Experten zu kennen, der mir und euch die Stadt noch einmal auf ganz andere Art näher bringt. Ole Hansen lebt seit 1994 im Stadtteil Vesterbro und nimmt uns mit auf einen ersten Spaziergang durch seinen Kiez.

Endlich mal normale Leute

Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Muh! – Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Als ich Ole frage, wie seine erste Begegnung mit Vesterbro verlief, lautet seine Antwort: „Anfang der 90er Jahre besuchte ich zum ersten Mal Freunde in Vesterbro. Es war ein bisschen wie Liebe auf den ersten Blick. Ein bunter Mix aus Arbeitern, bodenständigen Menschen, natürlich auch Drogensüchtige, aber alles total entspannt. Man konnte problemlos in eine Kneipe gehen, ein paar Bierchen trinken, ohne jemals auf aggressive Typen zu treffen. Ich wusste schnell: Hier möchte ich leben und alt werden.“

Gesagt, getan. Im September 1995 zog Ole nach Vesterbro und lebt seitdem in diesem geschichtsträchtigen Stadtteil direkt am Hauptbahnhof in Kopenhagen.

Hauptbahnhof Kopenhagen – Foto: Nicole Stroschein

Hauptbahnhof Kopenhagen – Foto: Nicole Stroschein

Vesterbro – Ein Stadtteil im Wandel

Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Muleum – Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

„Etwa um die Jahrtausendwende begann Vesterbro sich zu verändern,“ erzählt Ole mir beim Kaffee. „Mehr und mehr Studenten zogen hierher und dann begann die Stadt damit, viele der alten Häuser zu sanieren und in Genossenschaftswohnungen umzuwandeln, bzw. an private Investoren zu verkaufen. Der Stadtteil begann sein Gesicht zu verändern. Mehr und mehr Cafés eröffneten und viele Familien zogen nach Vesterbro. Heute hat der Stadtteil die höchste Familiendichte in Dänemark.

Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

I love Copenhagen – Kunst in Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Zwischen Hipstern, jungen Familien und Drogenproblemen

Sucht man bei Google nach Vesterbro, wirft die Suchmaschine direkt Artikel über die coolsten Ecken Kopenhagens aus. Der Stadtteil wird heute als das Szeneviertel schlechthin dargestellt. Für Ole ist Vesterbro aber immer noch ganz einfach sein Stadtteil, in den er sich in den 90er Jahren verliebt hat. Auch zwischen Hipstern, jungen Familien und den immer noch vorhandenen Drogenproblemen. Wir schlendern über die Traditionsstraße Istegade, die Oles erklärte Lieblingsstraße ist und direkt zum Hauptbahnhof führt, laufen durch das Areal des alten Fleisch-Markts, in dem heute mehr und mehr coole Restaurants, Bars und kleine, individuelle Shops entstehen. Vorbei an der größten Fixer-Stube Europas – denn auch das ist die Realität in Vesterbro – und all den kleinen Cafés, die den Stadtteil so lebenswert machen.

Istegade, Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Die Istegade bei Tag … – Foto: Nicole Stroschein

Istegade, Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

… und bei Nacht – Foto: Nicole Stroschein

Soziale Ader und die Liebe zur Rockmusik

Hauptberuflich ist Ole in der Altenpflege tätig, als ich ihn nach seinem beruflichen Alltag frage, antwortet er mit strahlendem Lächeln: „Ich liebe meinen Job! Es erfüllt mich sehr, anderen Menschen helfen zu können. In Vesterbro zu leben und die Augen vor sozialen Problemen zu verschließen, käme mir nicht in den Sinn.“ Es verwundert nicht, dass er kürzlich auch noch eine Weiterbildung zur Wiederbelebung von Süchtigen im Ernstfall absolviert hat. Neben seiner sozialen Ader hat Ole aber auch noch ein Herz für die Musik. Er spielt selbst Gitarre und gründete 2010 das Internet-Radio-Programm Vesterbro Rock Radio, das immer Freitags-Abends sendet. Inzwischen moderiert Ole nicht mehr jede Show selbst, trotzdem hält er die Fäden bei seinem Musik-Baby weiterhin in der Hand.

Bob, Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Früher Bosch-Shop heute Szene-Bar – BOB, Vesterbro

Vesterbro in Serie

Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Ole Hansen, Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Zum Abschluss dieses ersten, kleinen Vesterbro-Spaziergangs zeigt Ole mir das KB18, ein kleines Zentrum für Konzerte aller Art auf dem Gelände des ehemaligen Fleisch-Marktes. Als Rock-Redakteur hat er hier viele Stunden verbracht, jetzt wird das Gebäude abgerissen und eine Schule gebaut. Der Stadtteil bleibt also weiterhin im Wandel. Ein spannender Prozess und dank Ole begleiten wir ihn ein bisschen. Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer kleinen Kopenhagen-Serie – oder genauer: Vesterbro-Serie. In den nächsten Monaten werde ich immer mal wieder besondere Orte, Restaurants und Cavés in Vesterbro vorstellen. Ich freu mich drauf!

Und falls ihr Ole auch mal in Action hören wollt, könnt ihr das im Netz bei Vesterbro Rock Radio oder im Stream auf Mixcloud. Oder ihr folgt ihm auf Facebook oder Instagram :)

Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

Ole Hansen, Vesterbro – Foto: Nicole Stroschein

NicMag

Veröffentlicht von

Nic arbeitet seit Anfang der 90er Jahre als Journalistin für diverse große Zeitschriften. Nic mag ihren Job und liebt Geschichten über Menschen aller Art. NicMag gibt diesen Geschichten jetzt auch virtuell Raum. Und bietet somit die Möglichkeit, auch über Hintergründe und Themen zu schreiben, für die im Print nicht immer genug Platz war und ist.

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