Artikel
10 Kommentare

Die haben doch ’n Vogel – eine Amsel namens Tom

Unsere Pläne für Pfingsten? Rumhängen, Grillen, gelegentlich innerlich und äußerlich abkühlen. Die Realität: 7:30 Uhr aufstehen, nach Regenwürmern buddeln und Tom füttern. Sie fragen sich, wer Tom ist?

Nun, Tom ist die Amsel, die seit gestern bei uns wohnt. Amsel-Experten werden jetzt sagen: Das ist aber ein Weibchen. Amsel-Männchen sind nämlich schwarz.

Schlaue Amsel-Mädchen, gefährliche Jäger

Unsere Antwort: Wo steht geschrieben, dass Amsel-Mädchen nicht Tom heißen dürfen? Aber von vorn. Als wir gestern Mittag nach Hause kamen und uns schon sehr auf unsere Extrem-Chilling-Pläne freuten, wurden wir schnell eines besseren belehrt. In unserer Küche saß Tom. Ganz regungslos, wie schlaue Amsel-Mädchen das tun, wenn gefährliche Jäger, die hier mal wieder nicht namentlich genannt werden wollen, in der Nähe sind. Tom hatte bereits ein paar Federn gelassen. Ich nahm an, sie sei gar nicht mehr am Leben, hob sie vorsichtig mit einem Tuch hoch und stellte fest, dass sie noch ziemlich agil war. Was tun? Draußen schimpften deutlich hörbar Toms Eltern oder eine der anderen Vogelfamilien, so genau weiß man das ja nie auf dem Land … Aber auch besagte Jäger lagen natürlich auf der Lauer. Hier leben ja fast in jedem Haus potentielle Mörder.

Ein Ästling in Gefahr

Amsel-Weibchen Tom. Not amused aber in Sicherheit

Amsel-Weibchen Tom. Not amused aber in Sicherheit

Wir versuchten Tom in der Nähe der krakehlenden Amseln abzusetzen. Wie ich inzwischen weiß, ist sie ja ein Ästling. Das sind schon recht große Vogeljunge, die schon mal aus dem Nest hüpfen aber noch nicht fliegen können. Normalerweise werden sie dann einfach weiter von ihren Eltern gefüttert und alles ist gut. Nun hatte Tom sich aber vor unseren Kühlschrank verirrt und es gestaltete sich schwierig, sie wieder mit ihrer Sippe zu vereinen. Zumal wir den Eindruck bekamen, sie könne nicht nur nicht fliegen, sondern auch nicht richtig hüpfen. Vielleicht war ja ein Bein gebrochen? Was also tun?
In meiner Ratlosigkeit rief ich die diensthabende Tierärztin an (Es war ja immerhin Samstag-Nachmittag, kurz vor Pfingsten). Frau Dr. Lichtenstein, die, wie ich gerade feststelle, mit dem Hundezentrum Schleswig-Holstein zusammenarbeitet, über das ich ja auch schon berichtete, meinte, wenn Tom ein gebrochenes Bein hat, muss sie eingeschläfert werden, wir könnten gern vorbeikommen.

Die überraschende Wende

Puh, traurig, aber uns blieb keine andere Wahl. Wir machten uns auf den Weg, Tom reiste in einer Katzentransportbox. Vor Ort dann die nächste Überraschung. Frau Dr. Lichtenstein nahm Tom in die Hand, lächelte uns an und erklärte: „Sie ist völlig in Ordnung, wenn Sie sie ein paar Tage füttern, kann sie bald wieder in die Freiheit zurück.“ Sie selbst habe als Kind oft Vögel mit Quark aufgepäppelt, vielleicht könne Tom auch Regenwürmer bekommen. Die Amsel sei kurz davor fliegen zu lernen. Auch der Fuß, der uns so seltsam erschienen war, sei völlig ok. Wir sollten Tom einen Stock in den Transportkorb legen, daran könne sie weiter trainieren, sich ordentlich auf einem  Ast festzukrallen.

Die Gewohnheiten von Regenwürmern

Tja, nun leben wir hier also nicht nur mit zwei Mördern, sondern auch ihrer Lieblingsbeute unter einem Dach. Ausschlafen? Nicht dran zu denken. Statt dessen haben wir heute morgen um 7:30 Uhr schon nach Regenwürmern gebuddelt. Tom interessiert sich nämlich eher wenig für Quark. Regenwürmer und Kirschen findet sie dafür ganz super. Praktischer Nebeneffekt: Die Beete werden nach dem Wochenende 1A umgegraben sein und ich kenne mich dann nicht nur mit Hunden, Katzen und Amseln, sondern auch mit den Gewohnheiten von Regenwürmern aus.

Das Image einer Amsel …

Tom trainiert Ast-hocken im Katzen-Korb

Tom trainiert Ast-hocken im Katzen-Korb

Wobei: Von Auskennen kann natürlich nicht wirklich die Rede sein. Ein bisschen ratlos bin ich schon, wenn ich an Toms Zukunft denke … Wird es uns gelingen, sie ordnungsgemäß wieder auszuwildern? Bis dahin sind wir übrigens dankbar für Tipps und Hilfe jeder Art. Hat eventuell irgendjemand da draußen noch einen Vogelkäfig, den er uns für ein paar Tage leihen kann? Muss nichts großes sein. Und zur Not kommen wir wohl auch mit der Katzenbox zurecht. Doch ich möchte natürlich nicht, dass Tom einen Image-Schaden erleidet oder sich gar am Ende für eine Katze hält …
Abgesehen davon ist geplant, eine Therapie-Gruppe mit den Mördern in der Nachbarschaft zu gründen. Frei nach dem Motto: „Birds are friends, not food“ – in Anlehnung an die lustigen Haie in Findet Nemo, die keine Fische mehr essen wollen. In diesem Sinne: Friedvollen Tag Ihnen allen, ich muss los zur nächsten Fütterung :)

Nachtrag: Tom ist leider gestorben, noch am selben Tag. Wir wissen nicht warum und sind sehr traurig – wir haben ihr aber einen schönen Platz im Garten ausgesucht und werden sie nicht vergessen. Wer weiß, warum sie in unser Leben geflattert kam …

tom

NicMag

Veröffentlicht von

Nic arbeitet seit Anfang der 90er Jahre als Journalistin für diverse große Zeitschriften. Nic mag ihren Job und liebt Geschichten über Menschen aller Art. NicMag gibt diesen Geschichten jetzt auch virtuell Raum. Und bietet somit die Möglichkeit, auch über Hintergründe und Themen zu schreiben, für die im Print nicht immer genug Platz war und ist.

10 Kommentare

  1. Schöner Artikel für den Sonntag-Morgen!
    Bin auf Folgeberichte gespannt.
    Schöne Pfingsten
    Ann-Bettina

    Antworten

  2. Och, schade.
    Aber so kleine Kerlchen sind halt auch schwierig zu untersuchen – vielleicht hat sie sich bei der Bruchlandung innerlich einen Schaden geholt.
    Eine Fortsetzungsstory mit Happy End wäre mir aber lieber gewesen.

    Antworten

    • NicMag

      Ja, wir hatten auch darauf gehofft, hatten Tom alle sehr schnell ins Herz getroffen. Es ist faszinierend, einen Vogel mal so aus der Nähe kennenlernen zu dürfen …

      Antworten

  3. Pingback: Katze? Nichts für schwache Nerven

  4. Pingback: Maus, Katze, Maus

  5. Amseln fressen zwar Regenwürmer, doch sind die so parasitenbelastet, dass die Jungen in menschlicher Obhut schnell an z.B. Spulwürmer, Luftröhrenwürmer etc. Die Mutter schleudert den parasitenbefüllten Darminhalt aus dem Regenwurm hinaus bevor sie füttert. KEIN Jungvogel wird mit Quark gefüttert. Das ist ein Ammenmärchen. Gerade Insektenfresser kriegen davon schreckliches Gefieder. Amseln zieht man mit Heimchen und Steppengrillen ohne Beine, Drohnenbrut und Wachsmottenlarven (Bienenmaden) plus Obst wie Kirschen, Erdbeeren und Himbeeren groß. Wenn man so schnell keine Insekten im Reptilienbedarf kaufen kann, kann man einen Tag mit aufgetauten Beerenstückchen aus dem Supermarkt überbrücken. Der Vogel gehört jedoch zu einem erfahrenen Wildvogelpäppler oder vogelkundigen(!) Tierarzt, denn fast alle Amseln und Drosseln in menschlicher Obhut müssen entwurmt werden.

    Antworten

    • NicMag

      Vielen Dank für die Info. Ich hoffe doch sehr, dass sich die Situation nicht wiederholt. Falls doch, wissen wir dann aber immerhin, was zu tun ist!

      Antworten

Leave a Reply

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Wenn Du wissen möchtest, welche Daten wir beim Hinterlassen eines Kommentars speichern, schau bitte in unsere Datenschutzerklärung.