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Jeder kann malen … Dank Jan de Weryha-Wysoczanski

Sie erinnnern sich vielleicht an das Bild, das einen meiner Lieblings-Arbeitsplätze schmückt, oder eben den Esstisch – das ist in dem Fall eins … Es enstand ja im Rahmen einer Reportage für HÖRZU Heimat. Leider gibt es das wunderbare Heft nicht mehr. Umso mehr freue ich mich, der Geschichte hiermit bei nicmag ein Denkmal zu setzen. Sie zeigt ziemlich deutlich, warum ich meinen Job so liebe: Weil er mir die Möglichkeit gibt, Dinge und Menschen kennenzulernen, die mir sonst definitiv verborgen geblieben wären. Das erweitert nicht nur den Horizont, es macht auch glücklich.

malen

Ein malerischer Sonnenuntergang, Blumen, die in allen Farben leuchten, das Glitzern des Meeres an einem perfekten Urlaubstag. Wer kennt sie nicht – diese Situationen, in denen wir uns wünschen, die Zeit stünde still und wir könnten den Moment für ewig bewahren? Natürlich können wir zur Digitalkamera oder zum Handy greifen und ein Foto machen. Doch wäre es nicht so viel schöner, Situation und Stimmung in einem Gemälde festzuhalten? Die Frage ist: geht das überhaupt? Muss man nicht zum Malen geboren sein oder zumindest eine Riesenportion Talent mitbringen? Ich wage den Selbstversuch. An einem wunderschönen Sommertag bin ich bei strahlend blauem Himmel und 20 Grad unterwegs nach Hamburg-Bergedorf. Hier hat Jan de Weryha-Wysoczanski sein Atelier am Rande eines Naturschutzgebiets. Der polnische Künstler lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Hamburg. Er ist bekannt für seine beeindruckenden Skulpturen und Werke aus Holz. Außerdem gibt er Kurse in Bildhauerei, Malerei, Zeichnen, Collagen. An der Volkshochschule oder auch in kleinen Gruppen mit bis zu sechs Personen.

Nur nicht unter Druck setzen

Heute bin ich die einzige Schülerin und etwas aufgeregt. Der Kunstunterricht in der Schule ist eine halbe Ewigkeit her. Seitdem habe ich höchstens mit den Kindern Ostereier bemalt. Zum Glück nimmt mein Lehrer mir sofort die Unsicherheit. „Bitte nenn mich Jan“, sagt er mit einem Lächeln, „ich duze mich eigentlich mit all meinen Schülern. Das lockert die Atmosphäre. Gerade beim Malen ist es wichtig, dass man den Alltag hinter sich lässt.“ Auch auf meine wichtigste Frage hat Jan die perfekte Antwort parat: „Jeder kann malen“, befindet er. „Es ist gar nicht so schwer. Man sollte sich nur nicht so furchtbar unter Druck setzen. Viele lesen vorher detaillierte Anleitungen und Bücher zum Thema, haben 1000 Regeln im Kopf, wollen sofort perfekt sein. Das ist nicht gut.“ Seine Empfehlung: „Viel wichtiger ist es, sich dem Moment und der Atmosphäre hinzugeben und einfach mal auf sein Bauchgefühl zu hören: Was sehe ich, was höre ich, was empfinde ich? Außerdem sollte man sich genau überlegen, was man malen möchte.“

Einfache Grundausstattung

Zur Frage nach dem Motiv des Bildes erklärt der Künstler: „Wer sich für Architektur begeistert und ein Gebäude als Motiv wählt, kommt nicht umhin, sich mit den Regeln der Perspektive auseinanderzusetzen. Wer die Natur oder Tiere detailgetreu darstellen möchte, sollte vorher zeichnen lernen. Sonst ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Die Frage ist aber auch, ob das unser Ziel sein sollte? Kein Hobbykünstler kann und wird die Perfektion erreichen, die uns die Fotografie bietet.“ Leuchtet ein. Wir entscheiden uns für abstrakte Landschaftsmalerei, denn so kann ich auch in den wenigen Stunden, die wir für unser Experiment haben, ein Ergebnis erzielen, mit dem ich zufrieden bin – verspricht zumindest Jan. Wenig später stapfe ich beherzt mit einer Staffelei in der Hand über die Wiese vor dem Atelier und sage mir: „Ich bin ganz entspannt, jeder kann malen …“ Für den Anfang reichen ganz simple Materialien, lerne ich: Festes Papier oder Pappe, teure Leinwände sind nicht nötig. Bei der Farbe eignet sich am besten Acryl. „Die bringt schöne, leuchtende Farben hervor und trocknet schnell. Deshalb auch immer nur so viel Farbe auf die Palette drücken, wie du wirklich brauchst“, erklärt Jan geduldig. Der Vorteil ist, dass man nicht tagelang warten muss, bis man den nächsten Schritt machen und zum Beispiel eine neue Schicht auftragen kann. Dazu Pinsel in verschiedenen Breiten, eventuell ein kleiner Plastikspachtel, schon ist die Grundausstattung komplett. Wer keine Staffelei hat, kann das Papier auch auf einen Tisch legen und vorsichtig mit Malerkrepp befestigen, damit es nicht verrutscht. Natürlich dürfen Wasser und eine Rolle Küchenkrepp zum Reinigen der Pinsel nicht fehlen.

Auf geht’s

Bevor es ans eigentliche Werk geht, lässt Jan mich ein paar Übungen machen, damit ich mit meinem Handwerkszeug vertraut werde. Aber auch, um mir Grundlegendes zur Komposition zu vermitteln. Ich versuche mich an kleinen und großen Tupfen und Strichen, kalten und warmen Farbtönen, experimentiere mit dem Spachtel und einem Bleistift, der aus meiner Tupfenlandschaft eine bunte Kaulquappenwelt macht. Wie von Jan angekündigt, lassen sich die Acrylfarben sowohl miteinander als auch mit Wasser sehr leicht mischen und mehrfach übermalen. Jans wichtigste Regel: „Zwischendurch immer wieder ein paar Schritte zurückgehen! Nur so kannst du das gesamte Bild auf dich wirken lassen. Wer immer nur 40 Zentimeter vor Papier oder Leinwand steht, verliert ganz schnell den Überblick.“ Schließlich besprechen wir das Motiv für mein erstes Werk. Mein Blick fällt auf die Hecke, vor der wir stehen, mit ihren Blättern in unterschiedlichen Grüntönen, dem wolkenlosen Himmel darüber und vor allem den blasslilafarbenen Blüten des Flieders, die aus dem Garten dahinter herüberwinken. „Ich möchte den Flieder im Bild haben, daran kann ich mich gar nicht sattsehen“, erkläre ich Jan. „Sehr gut“, freut er sich und verschwindet kurz, während ich versuche, alles, was ich in den letzten zwei Stunden gehört und gelernt habe, zu verinnerlichen, damit mir kein grober Patzer unterläuft. Wenig später steht Jan wieder vor mir und hält mir eine Fliederblüte unter die Nase. „Schnupper mal und schließe die Augen!“ Dann stellt er die Blüte in ein Wasserglas auf meinen Utensilien-Tisch. „Jetzt wird dich der Duft beim Malen begleiten und inspirieren“, erklärt mein Lehrer. Bevor ich mich ans Werk mache, legen wir noch gemeinsam drei Ebenen fest: Im Vordergrund die sattgrüne Hecke, dahinter ein paar Zweige mit Blättern, ganz im Hintergrund der Himmel. Mit drei Bleistiftstrichen ist die Struktur des Bildes vorgegeben, und Jan zieht sich dezent zurück. „Jetzt mach mal allein“, sagt er noch, „ich halte mich ganz raus …“

Hochgefühl und Zweifel

Und dann ist es plötzlich, als würde sich ein Puzzle aus dem Gehörten in meinem Kopf zusammenfügen. Wie selbstverständlich greife ich zu den großen Farbtuben und verteile verschiedene Grüntöne, Braun sowie Beige und Weiß zum Abmischen auf meiner Palette. Dann nehme ich den breiten Pinsel und beginne mit großen Strichen „meine Hecke“ auf die weiße Pappe zu bannen. Ich staune über mich selbst, wie zielstrebig ich dabei vorgehe. Ohne zu zögern, kombiniere ich dunkles und helles Grün mit großzügigen Pinselstrichen. Damit der Übergang von der Hecke zum Himmel nicht zu hart wird, mische ich auch schon ganz leichte Nuancen von Blau mit ins Grün und umgekehrt. Ich denke sogar daran, regelmäßig ein paar Schritte zurückzutreten, um zu überprüfen, was ich eigentlich tue. Auf die großen, breiten Striche verteile ich vorsichtig kleine Tupfen und feine Linien, die Blätter und Äste andeuten. Ich bin schon ziemlich weit – und plötzlich habe ich das Gefühl, den Faden verloren zu haben. Zum Glück ist Jan doch mit ein paar Tipps zur Stelle, allerdings hütet er sich, den Pinsel in die Hand zu nehmen: „Das hier soll deine Handschrift tragen“, betont er. Damit das Blau des Himmels nicht zu hart wirkt, gehe ich vorsichtig mit einem feuchten, breiten Pinsel darüber. So entstehen diese zarten, weißen Schlierwölkchen, die so charakteristisch für den norddeutschen Himmel sind. Als ich ihn schließlich fragend anschaue und nicht sicher bin, ob ich noch ein bisschen weiter an meiner Hecke „feilen“ sollte, gibt Jan mir eine weitere Weisheit mit auf den künstlerischen Weg: „Weißt du, Nicole, man kann an jedem Bild ewig weiterarbeiten. Du entscheidest, wann es genug ist.“

Das I-Tüpfelchen

Also beschließe ich, mich jetzt an mein i-Tüpfelchen zu wagen, den Flieder. Ich mische den Farbton aus Blau, Pink und Weiß zusammen und tupfe anschließend mit einem ganz zarten Pinsel die angedeuteten Dolden an den oberen Rand der Hecke. Und dann ist es tatsächlich so weit: Ich setze mein Kürzel auf das Bild. Zwar mache ich einen typischen Anfängerfehler und lasse nicht genug Platz für einen möglichen Rahmen. Aber das tut meiner Freude keinen Abbruch. Jan hat recht gehabt. Dank seiner Anleitung ist es mir gelungen, meine Stimmung und das Bild, das ich von diesem Tag im Kopf hatte, festzuhalten. Auch wenn ich finde, meine Hecke sieht ein bisschen aus wie das Ufer eines Sommersees, mag ich mein erstes Werk doch sehr. Und deshalb hat es eben auch einen Ehrenplatz bekommen 🙂

tulpekatzenic

 

Veröffentlicht von

Nic arbeitet seit Anfang der 90er Jahre als Journalistin für diverse große Zeitschriften. Nic mag ihren Job und liebt Geschichten über Menschen aller Art. NicMag gibt diesen Geschichten jetzt auch virtuell Raum. Und bietet somit die Möglichkeit, auch über Hintergründe und Themen zu schreiben, für die im Print nicht immer genug Platz war und ist.

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