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Abenteuer HKX – Der Test

hkx harburg

Wer sich regelmäßig an fremde Orte bewegt, kennt das Dilemma der verschiedenen Fortbewegungsmittel. Mit dem Auto landet man leicht im Stau, lesen oder schlafen ist am Steuer ganz schlecht. Fliegen lohnt sich oft erst bei etwas längeren Strecken. Die Bahn ist bei mittleren Distanzen grundsätzlich sinnvoll – wenn auch nicht ganz frei von Risiken aller Art. Nun machte ich mich jüngst auf den Weg nach Köln – eindeutig eine Bahndistanz, wenn ich allein reise. Und gleichzeitig die perfekte Gelegenheit für einen Test aus dem Hause nicmag. Denn: Seit 2012 gibt es als Alternative zur Deutschen Bahn den HKX – den Hamburg-Köln-Express. Das fühlt sich in einem Land, das schienenverkehrstechnisch gesehen äußerst monopolistisch strukturiert ist, per se an wie Abenteuer und Rebellion, man hat Bilder von Asterix und Obelix oder David und Goliath vor Augen. Also ran an den Test.
Bildschirmfoto 2014-01-19 um 17.31.44Ich buchte zirka einen Monat vor der Reise, zu diesem Zeitpunkt war der HKX im Vergleich zur Bahn (ohne BahnCard und im Spartarif) rund 20 Euro günstiger (die Unterschiede sind aber oft noch viel größer). Die Hinfahrt kostete 28 Euro, die Rückfahrt 38 Euro, eine Platzreservierung ist inklusive, vorausgesetzt, ich registriere mich beim HKX-Onlineportal. Kein Problem, das ist kostenlos und spart bei künftigen Buchungen einiges an Tipperei. Das Ticket war wenig später per mail da, ausdrucken – fertig.
hhhbfDer Tag der Reise: ich bin zeitig am Hamburger Hauptbahnhof und mache schon mal ein paar Fotos. Dabei nehme ich wohl wahr, dass auf der Anzeigetafel steht, der HKX beginnt (?) in Harburg, darüber mache ich mir aber keine Gedanken. Immerhin steht da auch, dass er von Gleis 11 fährt. Und: Wo er loslegt, ist mir doch mal grundsätzlich Wurst, solange er mich dort abholt, wo ich auf ihn warte. Mein Fehler zu diesem Zeitpunkt: Ich deute die Zeichen falsch. Eigentlich sollte mir klar sein, dass Züge in Richtung Süden grundsätzlich nicht in Harburg starten, dann zum Hauptbahnhof fahren, um dann wieder über Harburg weiter nach Süden zu reisen. Es sollte mir klar sein, ist es aber nicht. Einige Minuten später allerdings wird mir doch irgendwie mulmig. Auf besagtem Gleis steht nämlich ein Zug, der ganz woanders (vielleicht nach nirgendwo?) hinfährt und das auch erst nach der terminierten Abfahrt meines HKX um 11.51 Uhr. Verwirrt denke ich, ich muss nochmal auf diese Anzeigetafel hamburgAnzeigentafel schauen, da dringt eine Stimme an mein Ohr. Eine Durchsage, die sich an Reisende des HKX (mich …) richtet: Der Zug starte in Harburg blablabla. Ich erstarre in Panik und denke: Wie soll ich denn jetzt noch nach Harburg kommen und wie soll ich pünktlich da sein, wenn der Zug dort um 11.51 Uhr fährt??? Fragen über Fragen. Was noch schlimmer ist: Ich höre der Ansage nicht bis zum Ende zu und ich ordne plötzlich Harburg geografisch-gesehen falsch ein, verwechsle es irgendwie mit Altona, das nördlich des Hauptbahnhofes liegt, während Harburg (und Köln mal eh) ja immer noch südlich gelagert ist und das vermutlich auch so bleiben wird. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich sehe vor meinem geistigen Auge Züge, die ohne mich fahren, Köln ist urplötzlich gefühlt so weit weg wie Melbourne und ich bin verzweifelt. Ich WILL nach Köln!! Wo ist meine Kreditkarte? Wo der nächste Ticketautomat? Wann fährt der nächste Zug der Deutschen Bahn nach Köln? Ich bin zu allem entschlossen. Dann das nächste, kleine Wunder. Bevor ich die Reise auf ganz anderen Wegen antreten kann, nehme ich wieder eine Durchsage wahr und diesmal höre ich bis zum Ende zu. Aha! Wir dürfen mit dem Metronom oder einem ICE bis nach Harburg fahren, dort wartet unser HKX und dann geht es ab nach Köln. Ach soooooooo!!! Hätten die doch gleich sagen können (haben sie natürlich). Das Leben ist urplötzlich wieder gut und ich nehme beherzt den Metronom nach Harburg. Dort vermeldet eine freundliche Dame, wir mögen uns schnell zu Gleis fünf begeben (Treppe runter, Treppe rauf), dort warte bereits der HKX abfahrbereit auf uns. Doch: weit gefehlt. harburgAn Gleis fünf warten zwar viele potentielle HKX-Reisende, auf Gleis fünf steht aber nur ein Rangierwagen, in den selbst mit viel Geschick höchstens drei Personen passen. Na ja … Während ich im Geiste anfange, meinen Beitrag über den HKX für nicmag zu formulieren (nic mag die deutsche Bahn????), ertönt die nächste Durchsage. Inzwischen ist es übrigens kurz nach 12 Uhr. Wir erfahren, dass unser Zug noch gar nicht aus Köln (da kommt er her) eingetroffen ist. Das hätte er zwar um 10.54 Uhr tun sollen, ein Personenunfall habe aber zu dieser nicht unerheblichen Verzögerung geführt. Später lerne ich, dass ein Personenunfall bedeutet, jemand hat sich vor den Zug geworfen, nicht etwa, jemand hat sich auf dem Weg zum Klo den Knöchel verstaucht. Schadet ja nicht, sowas zu wissen, wirft auch definitiv ein anderes Licht auf die Verspätung und die Komplikationen. Nun denn, der Zug erreicht Harburg, es wird noch eine Lok gewechselt und wir starten mit zirka 30 Minuten Verspätung Richtung Köln. So weit, so gut.
AbteilDie nächste Herausforderung ist, den reservierten Platz zu finden. Er soll in Wagen 6 sein, allerdings gibt es dort nur die Plätze 1 bis 96, nicht aber meine Nr. 106. Verwirrt laufe ich weiter und finde mich Sekunden später in Wagen 9 (huch!), also wieder zurück. Betreten stehe ich ein bisschen im Gang rum, spähe nach Personal und nehme dann all meinen Mut zusammen. Ich betrete das Abteil mit den Plätzen 91 bis 96, sage freundlich guten Tag und deute an, mich vorübergehend hinsetzen zu wollen, da mein Platz … „war bei mir auch so,“ unterbricht mich eine freundliche, junge Frau. Ahhh, fein, denke ich und setze mich hin, immer noch nach einem Schaffner spähend (die heißen hier allerdings Purser, zumindest steht das auf ihren Namensschildern). Als endlich einer auf dem Bahnsteig auftaucht (wir fahren noch nicht), frage ich ihn höflichst, wo ich wohl meinen Platz finden könnte. Er meint lässig: „Setznsischersmairgendwohin.“ Ich nicke, frage aber trotzdem, ob das nicht im weiteren Verlauf der Reise zu Komplikationen führen könnte, wenn noch mehr Gäste zusteigen… „Isscheißegal …“, antwortet der junge Mann und ich trolle mich zu meinen lachenden Abteil-Genossen, die alles mitgehört haben. Irgendwie bin ich ja inzwischen froh, dass ich überhaupt mitfahren darf. Dass der Zug  komisch riecht (Toiletten-Hygiene???) und die ausrangierten, alten 1. Klasse-Wagen der 1.klassedeutschen Bahn auch einen sehr speziellen, schrammeligen Charme ausstrahlen, vernachlässige ich einfach mal. Steckdosen gibt es natürlich nicht, damit hatte ich aber auch nicht wirklich gerechnet. Immerhin sind die Sitze sauber und meine Mitreisenden durchweg sympathisch. Keine Mettbrötchen, keine Nervensägen. Es wird minütlich besser. Irgendwie sind nämlich alle in diesem Zug entspannt, der Fahrkarten-Kontrolleur (Purser?), der launige Mensch, der die Durchsagen macht und auch die Fahrgäste. Ein bisschen wie damals im Autozug. Und spätestens als ich die Örtlichkeiten aufsuche, fühle ich mich endgültig wie im Orientexpress …bad
Die weitere Reise ist durchaus angenehm. Ab- und zu weist der lustige Durchsager darauf hin, dass es in Wagen 10 oder 11 (so genau weiß er das wohl auch nicht), einen Kollegen gibt, der dort Catering betreibt. „Kaffee, Tee, Softdrinks, Alkohol (soll ich?), Snacks, Sandwiches – schauen Sie mal vorbei, der Kollege freut sich,“ meint er. Besonders gefällt mir, wie er jedesmal sagt: „Hier nun wieder unser freundlich-penetranter Hinweis auf das Catering …“. Dickes Humor-Plus für das HKX-Team! Und so wird dann doch alles gut. Ein paar Minuten der Verspätung holen wir sogar wieder rein, um 16.25 Uhr bin ich in Köln. Die Rückreise am nächsten Tag läuft sogar noch besser, nämlich komplett nach Plan. Und wieder habe ich Glück mit den Menschen in meinem Abteil. Fast wundert man sich ein bisschen, dass die nostalgischen Züge mit der plüschigen Ausstattung genauso schnell nach Köln und zurück fahren, wie eine ICE. Geschwindigkeit ist offensichtlich doch keine Hexerei.

nicmag-fazit:

1601099_1453143964898350_303493472_nDer HKX ist eine durch und durch sympathische Alternative zur Deutschen Bahn. Allerdings nur, wenn man eine gewisse Gelassenheit mitbringt und nicht auf Strom zum Arbeiten angewiesen ist oder darauf besteht, dass man genau den Platz möchte, der reserviert war. Ich würde den launigen Schienen-Galliern zumindest jederzeit eine nächste Chance geben. Denn die anfänglichen Komplikationen hätten ja in der Form fast genauso bei der Konkurrenz auftauchen können.

Hier noch ein paar weitere Fakten zum HKX:

– er fährt dreimal täglich von Hamburg-Altona über Hauptbahnhof und Harburg nach Köln und andersrum (sonn- und feiertags nur zweimal), dazwischen hält er in Osnabrück, Münster, Gelsenkirchen, Essen, Duisburg und Düsseldorf, jeweils am Hauptbahnhof
– unkomplizierter Service von gut-gelaunten Mitarbeitern
– Tickets kann man auch spontan und direkt im Zug kaufen
– besagte Snacks und Getränke sind zu moderaten Preisen im Angebot (Mineralwasser, 0,5 l. kosten 2,20 Euro, Kaffee, 0,2 l., 2,30 Euro, Schokoriegel 1,10 Euro und belegte Brezel 3,00 Euro)

Und hier finden Sie den HKX online – in diesem Sinne: gute Reise!

Ach, Sie und ihr fragt euch, wie es in Köln war? Die Antwort: Alles, wie es sein soll 🙂

domhoch
Narren

Ich sag mal: alaaf und einen schönen Abend noch 🙂

Veröffentlicht von

Nic arbeitet seit Anfang der 90er Jahre als Journalistin für diverse große Zeitschriften. Nic mag ihren Job und liebt Geschichten über Menschen aller Art. NicMag gibt diesen Geschichten jetzt auch virtuell Raum. Und bietet somit die Möglichkeit, auch über Hintergründe und Themen zu schreiben, für die im Print nicht immer genug Platz war und ist.

9 Kommentare

  1. Klingt ja nach einem kleinen Abenteuer und eine Menge Spaß. Herrlich! Konnte mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Wie immer, sehr amüsant!
    Schönen Abend für euch.

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  2. Hihihihihi – schön war’s mit Dir!
    Jederzeit wieder 🙂

    Aber: bist du sicher, dass man die HKX-Tickets auch im Zug bekommt? Also so doppelschwör-sicher?

    Viele Grüße in den Norden
    Heike

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    • Ja, mindestens quattro-schwör sicher! Werben sie ganz groß in den Broschüren für und der lustige Durchsager hat auch darauf hingewiesen, freundlich-penetrant 😉
      Mit uns ist immer herrlich – ich komm wieder 🙂

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  3. Na schau, da habe ich durch die Blogparade, bei Teilzeitreisender, nun auch diesen Beitrag gefunden. 🙂 Ich hätte ihn sonst übersehen. So wie ich auf den Autozug fixiert war. Und auf die Katze. Liebe Grüße von meiner haarigen „Sekretärin“ im Ablagekisterl am Schreibtisch mit einem lauten *schnurr*. 🙂

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    • Wie schön, ich freu mich, über die Grüße und, dass du auch den HKX gefunden hast. Was soll ich sagen: Ich habe tatsächlich schon den nächsten Bahn-Beitrag in Planung. Das wird noch eine eigene Rubrik 😉 Bis dahin haarige Grüße von meinem Team zurück 🙂

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      • Uii! Da bin ich gespannt! Ich bin ja – was den Überblick über die aktuellen Blogbeiträge bei Kollegen betrifft – immer ein wenig chaotisch unterwegs. Aber über kurz oder lang stoße ich dann schon drauf! 😉 Schönen Sonntag!

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